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Herta Reich
„Zwei
Tage Zeit, um zwanzig Jahre meines jungen Lebens zurückzulassen"
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Ich war zwanzigeinhalb
Jahre alt, als meine Jugend und Zukunft zerbrachen. Vor dem
Krieg hatte ich eine äußerst glückliche Kindheit
und Jugend voll Lebensfreude. Aufgewachsen bin ich in den
Bergen und herrlicher Landschaft.
1938 dann der Zusammenbruch meiner Welt, meiner Jugend und
Zukunft. So plötzlich auf grausame Weise allein. Zwei
Tage Zeit, um 20 Jahre meines jungen Lebens zurückzulassen,
um nie mehr wiederzukehren, einfach so unglaublich, alles
zurückzulassen, was Glück, was Heimat war – nichts
als Tränen und Trauer mitnehmend.
Während des Krieges bis 1944 auf der Flucht. Nach dem
Krieg die Erkenntnis, daß Leben etwas Großes ist,
daß Überleben alles ist, und äußere
Güter und Besitz für mich keinen Wert mehr haben.
Spätsommer
1938
Nachdem die Geheime
Staatspolizei das Geschäft meiner Eltern verwüstet
hatte, verhaftete sie mich grundlos und brachte mich ins Gestapogefängnis
nach Graz. Nach drei Wochen Tag- und Nachtverhören in
Einzelhaft mußte ich Österreich innerhalb von zwei
Tagen verlassen. Meine Verzweiflung und mein Schock waren
unbeschreiblich. In einer kleinen Provinzstadt, wo nur zwei
jüdische Familien lebten, hatte ich keinerlei Verbindungen
mit Juden oder jüdischen Organisationen. Ich hatte nur
christliche Freunde. Für mich hieß es, von heute
auf morgen eine Türe hinter mir zu schließen und
aus einem glücklichen Leben für immer hinauszugehen,
ohne irgendein Ziel.
Ich fuhr nach Wien. Ohne Gepäck. Nur in meine Schultasche
stopfte ich ein paar Sachen. Mein Vater gab mir eine wertvolle
goldene Kette meiner Großmutter.
In Wien hörte ich, daß die Schweizer und französische
Grenze gesperrt seien. Wer wollte schon jüdische Flüchtlinge?
Ich hatte weder Papiere noch einen Paß. Vielleicht gab
es eine Möglichkeit, illegal nach Holland zu kommen?
Am Bahnhof lernte ich einen netten Jungen kennen, der in der
gleichen verzweifelten Lage war. Es war schon ein Glück
im Unglück, zu zweit zu sein. Wir nahmen einen Zug nach
Duisburg, und naiv und unerfahren wie wir waren, glaubten
wir, uns im Duisburger Rheinhafen auf ein holländisches
Schiff schmuggeln zu können. Wir waren noch keine zwei
Schritte im Hafen, hatte man uns sofort verhaftet und nach
einigen Tagen Gefängnis freigelassen. Die goldene Kette
und ein Ring wurden mir im Gefängnis weggenommen.
Wohin jetzt? Belgien war das nächstliegende Land. Das
Geld reichte nur, um bis nach Aachen zu fahren. Dort trennten
wir uns. Wir wollten uns in Brüssel wieder treffen. Ich
war wieder allein. Einige Kilometer von Aachen entfernt liegt
die belgische Grenze. Dort gab es ein Kloster. Die Nonnen
machten an diesem Tag eine Wallfahrtsprozession zu einer Kirche,
die hinter der Grenze lag. Ich ging mit ihnen und kam so ohne
Zwischenfall nach Belgien. Mit viel Angst und Herzklopfen.
Von dort gelangte ich zu Fuß über Verviers nach
Brüssel. An Verviers erinnere ich mich sehr genau. Es
gab eine Konditorei, in deren Auslage herrliche Reiskuchen
mit Obst waren. Aber ich hatte kein Geld mehr. Ich war sehr
hungrig. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich bis Brüssel
zu Fuß brauchte, ich erinnere mich nur an eine Nacht
auf einer Eisenbahnstation, wo ich geschlafen habe.
Ich kam in Brüssel
an. Ohne Geld, ohne Ersatzkleider und hungrig. Ich sah den
Jungen wieder. Er hatte einige Franken von der jüdischen
Flüchtlingshilfe bekommen, und wir suchten ein billiges
Zimmer. Das war sehr schwierig, denn man wollte keine Ausländer.
Nach einem ganzen Tag im Regen fanden wir ein Zimmer. Total
verwanzt. Mit nur einem französischen Bett. Drei Tage
war ich im Bett, bis die einzigen Kleider trockneten. Der
Junge ging Brot stehlen und brachte tatsächlich welches.
Nach einem Monat Hunger, Regen und Verzweiflung wurden wir
auf der Straße verhaftet. Gefesselt wurden wir ins Gefängnis
von Brüssel gebracht.
Nach einigen Tagen Einzelhaft transportierten sie uns im geschlossenen
Gefängnisauto ohne Fenster, gefesselt wie Schwerverbrecher
zu irgendeinem Bahnhof. Man nahm uns die Handfesseln ab und
schob uns vom Auto direkt in einen Gefängniswaggon eines
Lastenzuges. Wir waren ungefähr zwanzig Personen. Als
der Zug nach vielen Stunden hielt, waren wir sicher, in Frankreich
zu sein. Und als sie uns aussteigen ließen, die niederschmetternde
Erkenntnis, daß wir in Aachen waren und die Gestapo
uns schon erwartete. Wer hätte gedacht, daß die
Belgier solche Schweine wären, uns zurück nach Deutschland
zu schicken.
Die Männer wurden sofort verhaftet, nur ich als einzige
Frau erhielt eine Fahrkarte nach Köln. Die jüdische
Gemeinde in Köln zahlte die Fahrt bis Wien. Es gab keinen
anderen Ausweg, obwohl ich große Angst hatte, nach Österreich,
das nun Ostmark hieß, zurückzukommen, da ich ja
endgültig ausgewiesen war.
In Wien hatte ich einen Onkel und einige Freunde, und so schlief
ich jede Nacht woanders. In die Steiermark zu den Eltern konnte
ich nicht mehr fahren, da mich in der kleinen Stadt jeder
kannte, plötzlich alle Nazis waren und von meiner Ausweisung
wußten.
In der Nacht vom
9./10. November 1938 die berüchtigte „Kristallnacht".
Es war ein Grauen in ganz Deutschland und Österreich.
Jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden zertrümmert,
geplündert und verbrannt. Menschen wurden verhaftet und
grausam ermordet. Alle Synagogen brannten. Es war eine fürchterliche
Nacht in Wien. Ich wohnte damals neben der Großen Synagoge
im zweiten Bezirk, sah, wie sie brannte und wie man Menschen
aus den Fenstern auf die Straße warf.
Die Lebensmöglichkeiten für Juden wurden immer begrenzter,
die Angst unerträglich. Die jüdischen Geschäfte
wurden beschlagnahmt, arisiert. Der Besitz geraubt und die
Juden aus dem Wirtschaftsleben, den Universitäten, den
Schulen, den Parks, ausgeschlossen und aus führenden
Positionen entlassen. Und für den Schaden, den die Nazis
verursachten, legte man in Deutschland den Juden eine Gesamtstrafe
von einer Milliarde Mark auf.
Zu Hause in der Steiermark wurden mein Vater und Bruder verhaftet
und nach Dachau transportiert. Meine Mutter und Schwester
blieben allein. Die Nazis enteigneten unseren ganzen Besitz,
das Haus, das Geschäft, den großen schönen
Garten, den Schmuck.
In Wien wurde das Leben gefährlich und unerträglich.
Auf der mit Stricken abgesperrten Prater Hauptallee fing man
jüdische Mädchen zusammen. Heute noch, nach 50 Jahren,
träume ich oft davon, wie ich nackt zwecks „Rassenforschung"
vor diesen Schweinen stand und von allen Seiten fotografiert
und „vermessen" wurde. Ich höre noch heute das sadistische
Lachen der Nazis und sehe immer nur glänzende, schwarze
Stiefel. Nur Stiefel.
Ich blieb weiter in Wien. Ohne Arbeit selbstverständlich.
Ohne Geld. Einmal da. Einmal dort. Ohne Zuhause. Provisorisch,
sozusagen. In der Luft. Aber immer in Gefahr und Angst. Das
war das einzig Beständige.
Winter 1938/39
Mein Vater und
Bruder kamen schwer mißhandelt von Dachau zurück.
Meine Mutter hatte für meinen Bruder Erich irgendwie
eine Ausreise nach Dänemark zustande gebracht.
Die Eltern und Geschwister kamen nach Wien, wohnten alle in
einem kleinen Zimmer und bekamen 200 Schilling monatlich vom
Ariseur, der unser ganzes Vermögen genommen hatte. Manchmal
gelang es mir, einige ausgekochte Knochen vom Stadtkibbuz
zu bringen. Meine Mutter kochte sie nochmals mit etwas Gemüse.
Jede Woche holte uns die Gestapo vom Stadtkibbuz, um den Schutt
aus den zerstörten Synagogen wegzuräumen oder die
Gehsteige mit Bürsten zu waschen. Wir spürten Angst
im Herzen und Heimatlosigkeit.
Zum ersten Mal hörte ich „Palästina" und ging vom
Stadtkibbuz auf „Hachschara" in ein Dorf in der Nähe
von Wien, nach Moosbrunn.
Dort gab es einen großen Gutshof mit vielen Feldern
und einen Kuhstall mit 110 Kühen. Einige Monate hatte
ich schwere körperliche Arbeit im Kuhstall zu verrichten.
Dabei mußte ich um zwei Uhr nachts aufstehen und im
tiefen Schnee 20 Minuten bis zum Kuhstall gehen, um zu melken.
Bis zum nächsten Melken schlief ich neben den Kühen
im Stroh, da war es wenigstens warm. Ich hatte viele Freunde
in Moosbrunn, und alle hatten nur ein Ziel: Palästina.
Anfang des Sommers war ich wieder in Wien. Meine Eltern hungerten.
So brachte ich öfters mein Essen vom Stadtkibbuz. Das
Palästinaamt begann einen illegalen Transport zu organisieren.
Man brauchte einen Passeport. Die einzige Stelle, die den
Juden das Verlassen des Landes erlaubte, war die von der SS
errichtete „Zentralstelle für jüdische Auswanderung".
Geleitet und errichtet wurde sie von Adolf Eichmann im enteigneten
Rothschild-Palais in Wien.
Tausende Menschen standen in der Reihe, um Paß und Ausreisebewilligung.
Ich stand eine ganze Nacht und noch einen Tag, bis ich nach
vielen Schikanen den Paß erhielt. Jede Jüdin erhielt
die Ergänzung „Sara" zu ihrem Namen, und über den
halben Einband wurde außen ein großes J gestempelt.
So gingen die
Tage vorbei in immerwährender Angst und Ungewißheit.
Mein Bruder fuhr nach Dänemark.
Endlich kam mein Transport zustande. Wir fuhren am 25. November
1939 nach Palästina. So dachten wir. Diese Fahrt dauerte
fast fünf Jahre. Nur wenige von den über 1000 Menschen
erreichten das Ziel. Der Transport hatte die Erlaubnis der
Gestapo. Sie erlaubte uns nur zehn Mark und einen Rucksack
mitzunehmen. Der Abschied war erschütternd. Ich mußte
die Eltern und Schwester bei diesen grauenhaften Mördern
zurücklassen. Die Eltern waren glücklich, daß
ich wegfahren konnte, glaubten, wie auch wir alle, daß
das die Rettung sei. Ein Jahr später fuhren meine Eltern
und Schwester in ein anderes Unglück.
Ungefähr über 800 Menschen waren wir zunächst.
Später kamen in Bratislava und Zagreb noch Leute dazu.
Insgesamt waren wir dann über 1000.
Vom Wiener Ostbahnhof gelangten wir mit dem Zug nach Bratislava.
Vorher an einer Grenzstation die letzte Gestapokontrolle.
Nach zwei Tagen Aufenthalt in einem Getreidespeicher wurden
wir zur Donau geführt und in ein Ausflugsschiff hineingestopft.
Die ehemaligen Speisesäle, die Treppen, die Gänge
und die Decks, alles belegt von Menschen. Jeder hatte zirka
40 Zentimeter Platz zum Schlafen. Ich war etwas besser dran.
Ich schlief auf einem Tisch, der zwar etwas breiter war, aber
nur 1,2 Meter lang. Unter dem Tisch schliefen zwei.
Winter 1939/40
An der ungarischen
Grenze wurden wir plötzlich übersiedelt. Auf drei
kleine jugoslawische Schiffe. Budapest passierten wir bei
Nacht. Die Nachrichten, die unsere Transportleitung erhielt,
waren verworren und unklar.
Einmal sollte es ein Hochseeschiff für uns am Schwarzen
Meer geben, dann wieder nicht. Und da es keines gab, hatte
Rumänien die Weiterfahrt nicht erlaubt. Inzwischen war
es Winter geworden. Der Winter 1939/40 war besonders kalt.
Die Schiffe hielten am Donauufer im jugoslawischen Kladovo.
Wir überwinterten auf den primitiven Schiffen, die in
der Donau einfroren. Das Wasser in den paar Duschen
fror ebenfalls ein. Das Trinkwasser holte man aus dem Eis
der Donau.
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Die "Car Dusan" in Kladovo
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Fast alle bekamen Dysenterie, Läuse und Skabies. Das
Essen bekamen wir vom Land gebracht. Es wurde von den jugoslawischen
Juden irgendwie organisiert. Jeden Tag dasselbe: Zweimal täglich
Tee mit Schnaps, einmal Nudeln mit Powidl, abwechselnd mit
faschiertem Fleisch. Die Menschen bekamen Skorbut, ich hatte
eine schwere Furunkulose am ganzen Körper aus Vitaminmangel.
Wir warteten.
Aufs Frühjahr, auf ein bißchen Sonne und Wärme.
Inzwischen hatten wir die Inneneinrichtung der Schiffe
so ziemlich abmontiert, alles was zu verwerten war.Vorhänge,
Polsterlederbezüge, Segeltuchhocker. Alles haben wir
verarbeitet zu Sandalen, kurzen Hosen und mehr. Eines Tages
zerbrach meine einzige Nähnadel. Es gab einfach keine
mehr auf allen drei Schiffen. Das war damals ein großer
Verlust. Irgendwann im Frühjahr kam eine Gruppe von Zagreb
zu uns auf die Schiffe. So an die zwanzig Jugendliche aus
Polen, die im tiefsten Winter eine dramatische Flucht über
Rußland, die Karpaten, Ungarn und schließlich
Jugoslawien hinter sich hatten.
Unter ihnen waren Romek, Stefek, Hugo, Kuba, Jan, Kurt und
Wolf, Schulfreunde noch aus Bielitz. Wir übersiedelten
im Frühjahr auf ein griechisches Kohlenschleppschiff,
das für uns etwas umgebaut wurde. Wo früher die
Kohlen lagerten, bekamen wir vierstöckige Schlafplätze.
Man konnte kaum atmen. Ich hatte den letzten Platz oben. Fünfzig
Zentimeter über mir das eiserne Deck.
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Spaziergang am Donauufer
in Kladovo |
Von einer Weiterfahrt war keine Rede mehr. Aber es kamen
Nachrichten aus Wien, daß ein großer illegaler
Transport von Wien auf dem Donauweg zum Schwarzen Meer abreisen
sollte. Im Herbst erst sahen wir sie an uns vorbeifahren.
Da meine Eltern und Schwester auf diesem Schiff nach Sulina
waren, war unsere Verzweiflung unbeschreiblich.
Wir konnten keinen Kontakt mit ihnen herstellen, da das Schiff
nicht stehenblieb. Und viele von uns hatten Angehörige
auf diesem Schiff.
Unser Leben am Schiff war wie in einem Gefängnis, dazu
die Spannungen durch das enge, monatelange Zusammensein. Die
Krankheiten und die Hoffnungslosigkeit. Die kulturelle Tätigkeit
war gleich Null und beschränkte sich auf einige Lieder
am Freitag abend. Zu lesen gab es überhaupt nichts. Zum
Ende des Frühjahres bekamen wir von der jugoslawischen
Regierung die Erlaubnis, tagsüber ans Land zu gehen,
das heißt ans Donauufer. Dafür baute man einen
Holzsteg ans Ufer und später ein Zelt und ein Barackenlager
ganz nahe der Donau. Wir pendelten hin und her zwischen Baracken
und Schiff. Es war für uns schon eine Abwechslung.
Das Frühjahr und der Sommer 1940 brachten für mich
wieder mehr Lebensfreude und vor allem die Freundschaft mit
Romek. Während des Tages schwammen wir nackt in der Donau.
Die Sommernächte am Strom waren heiß. Wir schliefen
im hohen Ufergras. Zwei junge Menschen, die alles verloren
hatten.
Die Schusterei in
Kladovo
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In jeder Erinnerung an damals ist Romeks tiefe Seele, seine
Hoffnung und sein Mut – der ganze heiße glückliche
Sommer am Strom. In das Dorf Kladovo kamen wir nie, es war
auch nicht erlaubt. Das Leben spielte sich zwischen Barackenlager
am Ufer und Schiff ab. Zum Anziehen hatten wir fast nichts
mehr. Die paar Fetzen, die wir hatten, sparten wir für
den Winter auf. Neben den Baracken waren große Sümpfe.
Die ersten Schwerkranken lagen in den heißen, unhygienischen
Baracken. Es gab keine Antibiotika, nur Chinin gegen Malaria.
Einige Typhusfälle starben, die Poliokranken brachte
man nach Belgrad ins Krankenhaus. Die Hoffnung auf eine Weiterfahrt
wurde endgültig ausgelöscht, als eines Tages
der Präsident der jüdischen Kultusgemeinde aus Belgrad
kam und uns erklärte, es gebe keine Möglichkeit
mehr, weiterzufahren. Man würde uns wieder zirka 200
km in den Ort Šabac an der Save zurückbringen. Damals
ahnte niemand die Hintergründe dieses Unglücks.
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19. September 1940
Anstatt 600 Kilometer weiter bis zum Schwarzen Meer zu fahren,
übersiedelten wir wieder auf zwei altersschwache, wackelige
Boote, die uns 200 Kilometer zurück brachten. Den halben
Weg zurück, den wir vor einem Jahr gekommen waren. Šabac
ist ein kleiner Ort an der Save in Serbien.
Ich erinnere mich nur an zwei Hauptstraßen, ein Kino
und einige kleine Geschäfte und Kaffeestuben, wie sie
am Balkan üblich sind. Wir wurden in eine verlassene
Getreidemühle einquartiert, wieder mit Holzpritschen
übereinander. Da aber nicht Platz für alle war,
erhielt ein Teil der Leute Zimmer bei der Bevölkerung
in Šabac. Romek, Stefek, Hugo und Kuba hatten einen armseligen
Raum mit zwei Betten bei einem Bauern. An der Verpflegung
hatte sich nichts verändert. Wir alle holten das Essen
in leeren Konservenbüchsen in der Mühle. Geld hatten
wir nicht. So beschloß ich, als einzige unter uns 1000
Leuten, zu arbeiten und etwas zu verdienen. Zuerst in einer
Wäscherei und in zwei Kaffeestuben. Als es kalt wurde,
dachte ich, es wäre besser, irgendwo zu arbeiten, wo
ich auch zu essen bekäme.
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Auf der "Penelope"
von Kladovo
nach Šabac (Sept.
1940)
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Einmal wollte ich ein anderes Essen sehen als nur Nudeln und
Powidl und Tee mit Schnaps Tag für Tag. Bei einem serbischen
Sägewerkbesitzer mit einer jüdischen Frau bekam ich
eine schwere anstrengende Arbeit, von sechs Uhr früh bis
vier Uhr nachmittags.
Ich besorgte dort die ganze Hausarbeit in einer Fünf-Zimmerwohnung
mit Parkettböden, die täglich zu bürsten waren.
Dazu mußte ich am Markt einkaufen, die Sachen nach Hause
schleppen, kochen, alle Öfen mit Sägespänen füllen,
nach dem Schweineschlachten tagelang den Speck schneiden, bis
die gefrorenen Hände voll Blasen waren und vieles mehr.
Aber das Essen war wenigstens gut. Gezahlt haben sie mir lächerlich
wenig. Es reichte für ein paar Zigaretten und manchmal
etwas Halva. Ich war noch sehr schwach für diese Arbeit,
denn gleich nachdem wir nach Šabac gekommen waren, hatte ich
eine schwere Malaria mit Fieberanfällen bis 41 Grad, zwei
Wochen lang.
Jeden Tag um vier Uhr holte mich Romek von der Arbeit ab, wickelte
mich in seine dicke Winterjacke. Und ich brachte ihm, was vom
Essen übriggeblieben war. Der Schnee lag hoch auf den Straßen,
und ich hatte nichts Warmes anzuziehen, außer ein paar
gute Lederstiefel, die noch aus Wien stammten. Eines Tages erhielten
wir vom Roten Kreuz gebrauchte Kleider. Ich bekam ein dünnes
Kleid und ein paar rote Schlangenlederschuhe mit ganz hohen
Absätzen. Was sollte ich damit in diesem bitter kalten
serbischen Winter und in unserem verkommenen, zerlumpten Dasein?
Die Schuhe waren ein Abglanz einer verlorenen, besseren Zeit.
Aber vielleicht auch ein Funken Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Ich behielt sie.
Die Chawerim waren fatalistisch geworden. Das heißt, die
österreichischen und deutschen Juden vom Transport; aber
nicht die polnische Gruppe. Die Polen hatten immer ein Gefühl
für Gefahr. Sie hatten Initiative und verloren nie die
Hoffnung. Sie suchten Verbindungen mit dem Betar und dem polnischen
Konsulat in Belgrad.
In diesem Winter bekam ich die erste Karte von den Eltern aus
Palästina. Die Engländer internierten sie. Erst viel
später erfuhren wir, daß sie mit dem Schiff Patria
in Haifa landeten. Als das Schiff explodierte und innerhalb
weniger Minuten unterging, sprangen meine Eltern vom Deck ins
Meer und konnten gerettet werden. Meine Schwester, die das Deck
nicht mehr erreichen konnte, ertrank mit 250 anderen.
Von der Mühle übersiedelten wir 1941 in ein anderes
Lager in Šabac. Ende Februar, Anfang März begann die polnische
Gruppe ohne Erlaubnis unserer Transportleitung nach Belgrad
zu fahren, um irgendeine Lösung aus dieser Untätigkeit
und Ausweglosigkeit zu finden. Sie kamen immer wieder einzeln
nach Šabac zurück, den dagebliebenen Polen zu berichten,
welche Fortschritte sie erzielten. Eines Tages kehrten sie mit
dem Versprechen des Konsulats wieder, polnische Pässe zu
bekommen.
Ende März kam Romek von Belgrad zurück mit der freudigen
Nachricht, in einigen Tagen für alle Polen Pässe zu
erhalten, und sagte zu mir, daß wir am nächsten Tag
heiraten würden, um mich mitzunehmen, wenn sie den Transport
verließen. Sie wollten nichts mehr wissen von diesem verlorenen,
unglückseligen Transport.
In Belgrad hörten sie viel über die politische Situation,
lasen Zeitungen, wußten, es würde bald Krieg mit
Jugoslawien sein. So heirateten wir am 24. März 1941 bei
einem sephardischen Rabbiner in einem Büro des Lagers.
Am 26. März 1941 fuhren Romek, Stefek, Hugo und noch einige
Polen nach Belgrad zurück, um die versprochenen gültigen
Pässe vom Konsulat zu holen. Sie bekamen sie nicht, denn
in Belgrad herrschte das Chaos. Vom 26. auf den 27. März
1941 wurde die prodeutsche Regierung in Belgrad durch einen
Militärputsch von mutigen Offizieren gestürzt. Jugoslawien
war ringsum von Deutschen und deutschfreundlichen Regimen umgeben.
Sie saßen in Österreich, Bulgarien, Ungarn und einem
Teil von Rumänien. Und in Albanien und Griechenland war
Hitlers Partner Mussolini.
Ich bekam einige Briefe von Romek aus Belgrad nach Šabac.
Aber am 5. April 1941 war Schluß mit jeder Verbindung.
In der Nacht davor – in den letzten Stunden vor dem deutschen
Angriff – gelang es, 200 Jugendliche bis 16 Jahre mit Zertifikaten
legal über Belgrad und Griechenland nach Palästina
zu bringen. Wir anderen blieben alle in Šabac.
Am 6. April 1941 bombardierte die deutsche Luftflotte um 6.15
Uhr Belgrad, und 17.000 Menschen starben in einer Viertelstunde.
Belgrad war ein einziger Trümmerhaufen. Und Romek und
die Freunde waren in Belgrad, und wir wußten nichts
über ihr Schicksal.
Am Tag danach war ich mit fünf Freunden auf einer Wiese
neben dem Lager, als Šabac vom anderen Ufer der Save beschossen
wurde. Die Einschläge waren sehr nahe, und ohne ins Lager
zurückzukehren, flüchteten wir zu sechst nach Süden.
Eineinhalb Jahre waren wir isoliert von der übrigen Welt,
1000 Menschen in einer Gemeinschaft mit den gleichen Sorgen
und Ängsten, und plötzlich verließen wir in
überstürzter Panik diese Gemeinschaft, die uns doch
einen Zusammenhalt bot, auch wenn es nur Verzweiflung war.
Weg von den vorrückenden Deutschen, um Romek zu finden
und die Freunde. Das waren meine einzigen Gedanken. Vielleicht
gab es eine Möglichkeit in Sarajevo, wo alle Flüchtlingswege
zusammenliefen. Wir hatten nichts. Kein Geld, kein Essen,
nur die Kleider am Körper.
In den bosnischen Bergen lag der letzte Schnee. Unterwegs
hielten uns zwei bewaffnete betrunkene Männer an, ließen
uns nicht mehr los. Wir waren in ihrer Gewalt, da sie Revolver
und Gewehre hatten. Wir wußten nicht, was sie mit uns
vorhatten, ob sie für oder gegen die Deutschen waren.
In ihrer Betrunkenheit stellten sie uns an eine Wand und zielten
auf uns und amüsierten sich über unsere Angst. Sie
tranken ununterbrochen. Anscheinend hatten sie einen Schnapsladen
geplündert. Und zwangen auch uns, zu trinken. Die
Situation war lebensgefährlich. Am Abend schleppten sie
uns zu einem Bauernhaus, wo wir in einem Stall übernachten
durften. Ich war von uns sechs die einzige Frau, und plötzlich
packten die beiden Betrunkenen mich, führten mich in
einen Kohlenkeller und vergewaltigten mich mit dem Revolver
an meinem Kopf. Meine fünf Freunde konnten mir nicht
helfen. Am nächsten Tag waren die beiden Männer
verschwunden.
Wir kamen durch viele Dörfer und sahen, wie die jugoslawischen
Soldaten die Waffen und Uniformen wegwarfen. Innerhalb von
elf Tagen hatten die Deutschen ganz Jugoslawien besetzt. Ihre
Achsenpartner, die Italiener, hatten Albanien und die Küste
Dalmatiens besetzt und kämpften noch in Griechenland.
Von nun an gingen wir nur mehr durch die Wälder und über
die Berge, da auf den Straßen schon die Deutschen waren.
Nach einigen Tagen erreichten wir Sarajevo; sehr müde,
schmutzig und mit Läusen in den Kleidern. Auch hier waren
schon deutsche Truppen.
Sarajevo war ein Durchgangspunkt für Flüchtlinge,
und trotz verzweifeltem Suchen fanden wir nirgends eine Spur
von Romek und den anderen Polen, die beim Bombardement in
Belgrad waren. Man hörte nur, Belgrad sei vollkommen
zerstört, hauptsächlich durch Brandbomben. Die meisten
jüdischen Flüchtlinge gingen von Sarajevo weiter
nach Süden zur Küste. Meine fünf Freunde gingen
auch. Sie wollten mich mitnehmen, aber ich konnte mich nicht
dazu entschließen. Ich hatte die Hoffnung, daß
Romek von Belgrad nach Šabac zurückgekommen wäre.
Wenn ich zur Küste ginge, würde ich ihn verfehlen.
Ich blieb. Ganz allein.
Ich bekam das zweite Mal Malaria und lag einige Tage auf einer
Bank in einer Synagoge. Der Rabbiner gab mir zwei Decken und
zu trinken. Essen konnte ich fast nichts.
Ich wußte nicht, was ich weiter machen sollte. Ganz
Jugoslawien war inzwischen von den Deutschen besetzt, und
ich hatte die absurde Idee, nach Šabac zurückzufahren,
um Romek zu finden.
Jugoslawien kapitulierte am 17. April 1941 nach elf Tagen.
Ich war noch nicht gesund und sehr schwach. Aber ich ging
zum Bahnhof und zwängte mich in einen überfüllten
Zug nach Belgrad. Einen direkten Zug nach Šabac gab es nicht,
man mußte in Belgrad umsteigen. Es war ein fürchterliches
Gedränge. Überall, auch auf den Dächern des
Zuges, lagen die Menschen. Alle, die während des Bombardements
geflüchtet waren und nach Belgrad zurück wollten.
Niemand fragte nach Fahrkarten in diesem höllischen Durcheinander.
Als der Zug nach Belgrad einfuhr und stehen blieb, geschah
das Unglaublichste, das größte Wunder während
der ganzen Flucht. Ein Zug am nächsten Gleis war gerade
dabei, in die entgegengesetzte Richtung hinauszufahren. Plötzlich
schrie jemand: „Herta, Romek lebt. Er ist in Dalmatien." Und
gab mir von Fenster zu Fenster einen Brief von Romek. Ich
konnte es nicht fassen.
Der Junge war einer von der polnischen Gruppe. Er war mit
Romek und den anderen aus dem brennenden Belgrad nach Dalmatien
geflüchtet, kehrte allein nach Šabac zurück, um
seine Schwester zu retten, und fuhr jetzt wieder nach Dalmatien,
wo die anderen auf ihn warteten. Er würde Romek berichten,
daß ich unterwegs nach Šabac ins Lager bin.
Ich besitze den Brief von Romek noch heute, mit einer kleinen
silbernen Menora, die im Brief war und von der sich Romek
nie trennte. Sie war sein Maskottchen.
Sein Brief war so voll Liebe, Mut und Hoffnung, in einer so
fürchterlichen Zeit, wo nur Vernichtung, Tod und Chaos
existierten. Er schrieb, er werde mich unter allen Umständen
aus Šabac herausholen und retten.
Die Bahnen funktionierten wieder, da ja die Deutschen schnell
alles wieder organisierten. Nicht der Jugoslawen wegen, sie
brauchten sie für sich selbst.
Ich war wieder in Šabac. Aber auch die Deutschen waren da,
hatten aber noch keine Zeit, um sich mit den Juden zu beschäftigen.
Ich traute mich nicht auf die Straße und wartete verzweifelt
auf Romek, konnte mir aber nicht vorstellen, wie es ihm möglich
sein würde, durch das ganze von Deutschen kontrollierte
Land zu kommen. Ohne Papiere. Um Mitternacht am 30. April
– seinem Geburtstag – stand Romek plötzlich vor mir.
Er war von der Küste bis nach Norden gekommen, um mich
zu holen. Welchen Mut er dazu gebraucht hatte, kann sich niemand
vorstellen.
Eine Stunde nach seiner Ankunft, um ein Uhr nachts, verließen
wir Šabac zu Fuß in Richtung Belgrad. Wir nahmen nichts
mit uns außer ein paar zerlöcherten Sandalen für
mich und die roten, Zukunft verheißenden Schlangenlederschuhe.
Die schwarzen Lederstiefel, die ich trug, wollte ich für
Essen eintauschen. Ein Bauer gab uns in der Früh dafür
ein halbes Brot und ein Stück Wurst.
Ohne zu rasten, erreichten wir nach acht Stunden einen Bahnhof
vor Belgrad. Dort brach ich vor Erschöpfung zusammen
und konnte nicht mehr aufstehen. Romek trug mich in den Zug
hinein, der zu unserem Glück über Belgrad nach Süden
fuhr. Wir fuhren einen ganzen Tag und eine Nacht, da der Zug
immer wieder von den Deutschen aufgehalten wurde. Daß
wir ihnen entkamen, war ein Wunder.
Früh morgens am 3. Mai erreichten wir die Küste,
wo alle Freunde, die das Bombardement mit Romek überlebt
hatten, warteten. Die Freude war unbeschreiblich. Sie hatten
nicht gehofft, uns jemals wieder zu sehen, und wir alle konnten
das Glück nicht fassen, daß es Romek gelungen war,
uns zurückzubringen.
Dalmatien im Frühling ist einmalig schön. Es war
ja sozusagen unsere Hochzeitsreise. Nach Hercegnovi flüchteten
auch alle Beamten des polnischen Konsulats aus Belgrad, nahmen
alle Konsulatsgelder mit sich und verteilten das Geld in Hercegnovi
unter den polnischen Flüchtlingen. So bekamen wir etwas
Geld.
Romek, Stefek, Hugo, Jan, Kurt und Wolf und ich blieben von
da ab zusammen. Eine andere Möglichkeit, als nach Italien
zu gehen, gab es nicht. Und zwar nur illegal über die
Grenze. Dazu mußten wir die ganze dalmatinische Küste
bis Fiume [Rijeka] bewältigen. Von Hercegnovi im Autobus
bis Dubrovnik. In Dubrovnik kaufte mir Romek einen Ehering.
Wir übernachteten in einem bescheidenen, aber sauberen
Zimmer, konnten uns endlich einmal waschen und ausruhen. Dort
erzählte er mir alles über seine dramatische Flucht
aus dem brennenden und einstürzenden Belgrad, über
seinen Gang zum polnischen Konsulat, das offen und verlassen
war. Da traten sie die Schränke ein und nahmen 28 Blankopässe
mit.
Und ich erzählte ihm von der Vergewaltigung.
Der Mai 1941 war warm. Wir hatten eine neue kleine Hoffnung,
obwohl sie keine Basis hatte, denn wir gingen in ein faschistisches
Land.
Teilweise gingen oder fuhren wir von Ort zu Ort, die ganze
Küste entlang bis Fiume. In Fiume auf einer Brücke
war die italienische Grenze. Natürlich hat man uns nicht
durchgelassen und sofort zurückgeschickt. Da Hugo der
Organisator war, meinte er, wir müßten irgendwo
von einem Dorf weiter im Norden über die Berge gehen,
um so nach Italien zu kommen. So fuhren wir von Fiume über
Karlovac nach Ljubljana.
Und Hugo mit seinen genialen Ideen hat uns alle in Ljubljana
in ein Bordell einquartiert, da es sehr billig war.
Nun mußten wir ein Dorf, einen Grenzübergang
und einen Bauern ausfindig machen, der uns den Weg zeigen
sollte. Wir hatten die gestohlenen Blankopässe. Aber
leere Pässe nützten nichts. Hugo beschloß,
sie auszufüllen und die Stempel zu fälschen und
sogar ein Visum für Ecuador zu fabrizieren. Nach vielen
Schwierigkeiten und tagelangen Versuchen hatten wir einen
„gültigen" polnischen Paß.
Hugo fuhr in ein Dorf und hatte schon alles mit einem Bauern
verabredet, da wurde Stefek krank, und wir mußten das
ganze Unternehmen um Tage verschieben. Endlich fuhren wir
ins Dorf, übernachteten bei dem Bauern, und in der nächsten
Nacht führte er uns über die Berge bis knapp vor
die Grenze. Über die Grenze mußten wir alleine.
Es war eine finstere Nacht, und wir gingen barfuß. Jan,
Kurt und Wolf durften erst in der nächsten Nacht gehen.
Wir wollten uns in Triest treffen.
Am 3. Juni 1941 nachts überschritten wir die italienische
Grenze in der Nähe von Postojna mit vielen Schwierigkeiten.
Keinerlei Vorstellung hatten wir, wie, wo und wovon wir in
Italien leben sollten. Von der Grenze bis Triest gingen wir
zu Fuß. Der Bauer gab uns eine Adresse in Triest, wo
wir schlafen und auf die drei Freunde warten konnten, die
am nächsten Tag über die Grenze kommen sollten.
Gemeinsam fuhren wir nach Venedig. Es war enttäuschend,
schmutzig, stinkend – und am Lido kein Mensch. Von dort ging
es weiter nach Padua. Das Geld wurde langsam weniger. Wir
beschlossen, mit dem letzten Geld nach Rom zu fahren.
Rom war überwältigend in jeder Beziehung. Seine
antiken Kostbarkeiten, seine Kirchen, die vielen herrlichen
Brunnen – aber auch der Hunger und die Ausweglosigkeit.
Am alten Markt in der Via di Fiori fanden wir in einem verkommenen
Absteigquartier zwei Zimmer mit insgesamt vier Betten für
sieben Menschen. Drei Lire pro Zimmer und Nacht. Der Wirt
verlangte keine Papiere. Wenn die Polizei kam, verständigte
er uns, und wir mußten mitten in der Nacht aufs Dach.
Zu essen konnten wir nur Brot und Zwiebel kaufen, ganz selten
einen halben Liter Milch für uns alle. Und das für
die nächsten zwei Monate.
Hugo war sehr aktiv. Da die jüdische Gemeinde nicht helfen
wollte, weil Hugo blöderweise einen katholischen Stempel
in den Paß gemacht hatte, ging er zum polnischen Roten
Kreuz und brachte von dort 70 Lire für alle. Wir verzichteten
zwei Tage auf die Zwiebel und gingen dafür ins Vatikanmuseum.
Der Eintrittspreis war für uns sehr hoch. Aber es war
einmalig schön, obwohl ich immer nur an Essen denken
konnte.
Das Geld war endgültig zu Ende. Arbeiten konnten wir
nicht, da wir nicht legal in Italien waren. Da wir am Ende
waren, schlug Hugo vor, betteln zu gehen. Er schickte uns
zu zweit zu italienischen Juden. Ich ging mit Stefek, und
man gab uns 5 Lire. Noch nie hatte ich mich so geschämt.
Weil wir den ganzen Tag unterwegs waren, hatten meine einzigen
Sandalen fast keine Sohlen mehr. Die roten Schuhe hatte man
mir im Bordell in Ljubljana gestohlen. So waren auch sie keine
Hoffnung mehr auf eine bessere künftige Zeit, und zu
allem Unglück wurde Romek sehr schwer krank. Ich hatte
nie etwas Schrecklicheres erlebt. Er tobte und schrie im lebensgefährlich
hohen Fieber, sprang aus dem Bett, fiel über die Treppen
hinunter, blieb ohnmächtig liegen. Und nachdem wir ihn
mit viel Mühe zurück ins Bett gebracht hatten, schrie
er wieder die halbe Nacht über Hitler, die Nazis und
den Krieg. Wir hatten kein Geld für einen Arzt.
Ich verdanke Hugo alles in dieser fürchterlichen Nacht.
In dem verdunkelten Rom fand er einen Arzt, und zum Glück
einen jüdischen. Der Arzt bestellte eine Ambulanz, verlangte
kein Geld und brachte Romek ins Krankenhaus. Stefek und ich
fuhren mit. Es war einige Kilometer entfernt, und in der Früh
wußten wir nicht, in welcher Gegend wir waren, aber
ich war glücklich, daß man Romek behandelte und
daß er in den folgenden Tagen zu essen hatte. Jeden
Tag ging ich dann eineinhalb Stunden zu Fuß, um ihn
zu besuchen. Er hatte Typhus.
Es war uns unbegreiflich, daß man uns nach Romeks Entlassung
aus dem Spital nicht verhaftete, da wir ja feindliche Ausländer
waren und das erst Mal offiziell registriert wurden wegen
des Krankenhausaufenthaltes.
Wir hungerten weiter den ganzen heißen Monat Juli und
waren bestürzt und verzweifelt über die schnellen
Anfangserfolge der Deutschen in Rußland. Ich war so
schwach, daß ich kaum noch gehen konnte. Unsere Lage
war so schlimm, daß wir baten, man solle uns internieren.
Dazu gingen wir zum chilenischen Konsulat, das damals die
Interessen Polens in Italien vertrat. Das Konsulat intervenierte
bei der Polizei. Aber man beeilte sich nicht. Und jeder Tag
länger brachte uns dem Verhungern näher. Erst am
10. August 1941 brachte uns ein Polizist von Rom in einen
kleinen Ort namens Bomba in den Abruzzen. Die drei anderen
Freunde in ein anderes Dorf nicht weit von uns.
Friede und Ruhe in einer Bergwelt. Der Krieg reichte nicht
heran an diese einsamen Gebirgsdörfer, in denen ein sehr
gutmütiges, rückständiges, sehr katholisches
Bauernvolk lebte. Zum ersten Mal, seit wir auf der Flucht
waren, erlebten wir Frieden und eine Ruhe, die nicht von dieser
Welt zu sein schienen. Das Dorf lag hoch in den Bergen, und
an den Steilhängen reifte gerade der Wein. Schwer und
sonnendurchglüht. Es gab unzählige Olivenhaine.
Gegen Abend trieben die Bauern ihre Schafherden nach Hause.
Tief unten im Tal war der Fluß Sangro. Auf der anderen
Seite des Tales eine hohe Gebirgskette, die Montagna della
Maiella.
Wir waren glücklich nach dieser schweren Zeit in Rom,
obwohl wir von jetzt an Kriegsinternierte waren, uns wöchentlich
bei der Polizei melden mußten und das Dorf nicht verlassen
durften. Die Regierung gab uns bei einem Bauern zwei Zimmer
mit Küche und offenem Kamin und zahlte jedem 300 Lire
monatlich. Die Wohnung war möbliert und mit Bettwäsche
und Geschirr ausgestattet. Wir waren sehr überrascht.
Die vollkommen anderen Lebensgewohnheiten lernten wir von
den ungemein hilfsbereiten Bauern und Nachbarn. Sie riefen
uns nur „Studenti polacchi". Sie lehrten uns Seife zu kochen,
sonnengetrocknetes Tomatenpüree für den ganzen
Wintervorrat zu machen, Wäsche waschen mit Holzkohlenasche,
Feigen zu trocknen, Oliven einzulegen, einen offenen Kamin
zu heizen, Käse aus Schafsmilch zuzubereiten und vieles
mehr.
Offiziell war arbeiten verboten, aber wir arbeiteten die ganze
Zeit. Das Dorf lebte hauptsächlich von Wein und Ölprodukten.
Da die meisten Männer an der Front waren, brauchten sie
jede Arbeitskraft. Im Herbst halfen wir bei der Weintraubenernte
zehn bis zwölf Stunden täglich von fünf Uhr
früh an bis es dunkel wurde. Wir aßen mit den Bauern
am Feld und trieben am Abend die Esel nach Hause, die die
Weintrauben zum Pressen brachten. Bezahlt bekamen wir nicht,
aber dafür das ganze Holz für den Winter, Weintrauben,
Wein, Essen und rohe Schafwolle, woraus ich für uns alle
Pullover strickte.
In Bomba gab es noch ein paar Internierte, zwei aus Litauen,
einen Franzosen und einen deutschen „Halbjuden", mit dem wir
sehr intensiv Italienisch lernten. Wir hatten kein Radio,
aber im Dorf gab es einen Kommunisten, von dem Hugo die Neuigkeiten
vom Kriegsschauplatz brachte.
Im Winter arbeitete ich bei der Olivenernte, Stefek, Hugo
und Romek beim Ölpressen.
Wir schrieben oft über das Rote Kreuz an Romeks Eltern,
die in Polen zurückgeblieben waren, bekamen aber nur
einmal eine Antwort, daß sie ihren letzten Mantel gegen
Essen eingetauscht hatten. Das war das Ende. Wir hörten
nie mehr von ihnen.
In Bomba außerhalb des Dorfes gab es eine Zementfabrik
und ein Bergwerk. Romek arbeitete dort in der Schmiede, fabrizierte
dort die langen Bohrer für das Bergwerk. Hugo arbeitete
im Büro und Stefek beim Einsacken des Zements. Ich brachte
ihnen jeden Mittag das Essen, es war weit draußen. Die
Polizei wollte es nicht wissen, solange wir uns nur pünktlich
meldeten.
Von den Chawerim des Šabac-Transportes hörten wir nichts
mehr, obwohl wir oft schrieben. Mit meinen Eltern war keine
Verbindung möglich, da sie im englischen Palästina
waren. Von Erich bekam ich ab und zu aus Schweden Post.
Im Sommer gingen wir hinunter ins Tal und badeten im Fluß,
was wir aber leider aufgeben mußten, da die Bauern es
als sehr unmoralisch ansahen. Im Herbst waren wir wieder bei
der Weintraubenlese. Und es war kein Ende des Krieges abzusehen.
Im Gegenteil, es wurde schlimmer. Im Herbst 1942 bot sich
uns ein katastrophales Bild: Das Mittelmeer von Spanien bis
zur Türkei und auf der anderen Küste von Tunis bis
fast zum Nil waren in deutscher und italienischer Hand. Vom
Nordkap bis Ägypten und vom Atlantik bis zur Wolga standen
deutsche Truppen und wir, klein und hilflos, mitten drinnen.
Der Krieg dauerte nun schon drei Jahre. Die besten Jahre unserer
Jugend vergingen mit Warten, Flucht und Angst.
Die Spannung und Besorgnis nahmen 1943 zu. Wir verfolgten
sehr genau die Neuigkeiten, die Hugo brachte. Am 10. Juli
1943 landeten alliierte Truppen in Sizilien. Der Krieg kam
näher. Eine Woche später wurde Rom, wo die Deutschen
waren, zum ersten Mal bombardiert. Und auch die politischen
Ereignisse in Italien überstürzten sich. Am 25.
Juli 1943 wurde Mussolini vom „Großen Faschistischen
Rat" gestürzt und verhaftet. Die neue Regierung unter
Marschall Badoglio löste die faschistische Partei auf.
Am 3. September 1943 landeten schließlich die Alliierten
in Süditalien, und es wurde offiziell bekannt gegeben,
daß Italien eine Woche vorher einen geheimen Waffenstillstand
mit den Alliierten geschlossen hatte. Das hieß, Italien
nahm nicht mehr mit Hitler am Krieg teil.
Daraufhin hatten die Deutschen viele Truppen über die
Alpen nach Italien geschickt, entwaffneten kampflos die Italiener
und hatten bald zwei Drittel Italiens in der Hand.
Es waren aufregende Tage. Jeden Tag verfolgten wir auf der
Landkarte das Vorrücken der Engländer vom Süden
nach Norden und das der Deutschen vom Norden nach Süden.
Wir in der Mitte hatten keinen anderen Ausweg, als zu den
Engländern zu gelangen.
Bomba war nicht sehr weit von der Adriaküste entfernt,
aber hoch in den Bergen mit einer einzigen Straße zu
den anderen Dörfern, die noch nicht von den Deutschen
erreicht worden waren.
Nach dem Sturz Mussolinis betrachteten wir uns nicht mehr
als Kriegsinternierte, gingen Mitte September zur Polizei,
die ratlos war nach dem politischen Durcheinander, und verlangten
eine Bestätigung mit Bild, daß wir in Bomba von
August 1941 bis September 1943 interniert waren. Sie gaben
uns die Bestätigung sofort. Wir kannten ein befreundetes
Ehepaar, das in Norditalien interniert war. Ende September
flüchtete es vom Norden zu uns und berichtete, daß
die Deutschen überall am schnellen Vormarsch seien. Am
selben Tag kam Hugo aufgeregt mit der Nachricht, daß
die Deutschen im nächsten Dorf seien. Wir müßten
weg, nur weg, so schnell wie möglich. Bei den Engländern
wären wir gerettet. Bei den Deutschen verloren.
Ende September/Anfang
Oktober 1943
In derselben Nacht verließen wir in aufgeregter Eile
die Wohnung, in der wir mehr als zwei Jahre gelebt hatten.
Wir ließen alles zurück, was uns gehörte,
sogar das Feuer im Kamin brannte noch, als wir durch den Hinterausgang
fortgingen, einen steilen Berg hinauf, schnell und ganz ohne
Gepäck. Niemand wußte von unserer Flucht. Die Wohnung
ließen wir offen. Wir waren sechs Leute, Romek, Hugo,
Stefek, ich und das Ehepaar Levitus. Der Weg über die
Berge war schwer und anstrengend und die Nächte kalt.
Dort in den Abruzzen habe ich meinen österreichischen
Paß mit dem großen J weggeworfen. Ich hätte
es schon viel früher tun müssen. Wir hatten eine
kleine Landkarte von Mittelitalien, aber im Gebirge war es
schwierig, sich zu orientieren. Später fragten wir in
jedem Dorf, wie es heiße und wie weit die Engländer
noch entfernt seien. Sie dürften zirka 100 km südlich
von Bomba gewesen sein.
Zu essen gab es wenig unterwegs. Die Italiener hatten selbst
nicht genug. Das Brot war aus Maismehl und hart wie Zement.
Auf den Feldern fanden wir noch manchmal von der Ernte vergessene
Weintrauben.
Wir kamen durch viele Dörfer: Castiglione Messer-Marino,
Schiavi, Trivento, Lucito. Das allerletzte Bergdorf, bevor
wir tief hinunter ins Tal gingen, an den Fluß Biferno,
hieß Castellino.
Wir waren im Niemandsland, direkt zwischen der englisch-deutschen
Front, und konnten nicht weiter.
Mitte Oktober 1943 waren auf zwei gegenüberliegenden
Bergen die vordersten Frontlinien der Engländer und der
Deutschen. Wir saßen wie in einer Falle am Fluß.
Vor den Deutschen flüchteten wir, zu den Engländern
konnten wir nicht, da der Berg zu ihnen unter dauerndem Beschuß
lag und von den deutschen Stellungen leicht einzusehen war,
da es fast keine Bäume gab.
Direkt neben dem Flußufer fanden wir eine verlassene
Scheune mit vielen Mäusen und Stroh und einem eisernen
Ofen mit Wasserkrug. Auf den Feldern ringsum waren noch vereinzelte
Tomaten und Quittenbäume mit reifen Früchten. Aber
Quitten kann man nicht roh essen, und Feuer zu machen wagten
wir nicht. Man hätte den Rauch von weitem sehen können.
Es war sehr unheimlich. Wir trafen keinen einzigen Menschen,
nur der Kanonendonner ging Tag und Nacht über uns hinweg.
Oben im Dorf Castellino waren scheinbar noch keine Deutschen.
Sie mußten mehr vom Westen vorgerückt sein, nicht
vom Norden, woher wir kamen.
Mehr als eine Woche waren wir schon in der Scheune, sehr
hungrig, sehr verzweifelt und in einer großen Nervenanspannung.
Das ununterbrochene Artilleriefeuer machte uns fast verrückt.
Und vor allem wollten wir endlich weg sein von den Deutschen
und keine Angst mehr haben.
Romek beschloß, nach Castellino zu gehen, um Brot zu
besorgen. Ich wollte ihn nicht gehen lassen und hatte unbeschreibliche
Angst. Wer wußte, ob die Deutschen nicht schon in diesem
Dorf waren. Er ging ganz allein und kam nicht zurück.
Wir warteten den ganzen Tag. Es war furchtbar. Wir befürchteten
das Schlimmste. Daß die Deutschen ihn geschnappt haben.
In der Dunkelheit kam er zurück in großer Aufregung.
Er hatte im Wald zwei deutsche Soldaten miteinander sprechen
gehört, rollte sich in einen Graben und blieb viele Stunden
dort liegen, bis es dunkel war. Wir hatten ja keine Ahnung
davon, daß es Patrouillen gab. Daß sie die Scheune
noch nicht entdeckt hatten, war geradezu unglaublich. In dieser
Nacht schliefen wir auf den Feldern. Der Zwischenfall brachte
die Entscheidung. Wir mußten so schnell wie möglich
weg, auch wenn das Risiko noch so groß war. Die Granaten
pfiffen weiter über uns ohne Unterbrechung.
Der Weg zu den englischen Stellungen war ein steiler Berg,
mit sehr wenigen Bäumen. Wir schätzten, daß
wir zwei bis drei Stunden brauchen würden, um sie zu
erreichen. Wir warteten noch eine Nacht, die nächste
war dann dunkel und mondlos, und da entschieden wir uns für
das so große Risiko. Wir konnten nicht wissen, wie die
Engländer auf unser Erscheinen reagieren würden.
Nachts um drei Uhr gingen wir los. Den ganzen Weg sprachen
wir kein einziges Wort und gingen barfuß mit den Schuhen
in der Hand. Man hörte fast das Herzklopfen der anderen.
Diese drei Stunden sind in Worten nicht auszudrücken.
Um sechs Uhr früh sahen wir von weitem die vordersten
Schützengräben der Engländer und die englischen
Stahlhelme, die etwas darüber herausstanden. Es war nicht
zu fassen. Wir hatten es wirklich geschafft. Die Engländer
sahen uns und brachten die Gewehre in Anschlag. Aber wir gingen
mit erhobenen Händen auf sie zu und sagten ihnen, daß
wir Juden sind und vor den Deutschen flüchten. Sie halfen
uns über die Schützengräben.
Es war der erste Schritt in die Freiheit seit fünfeinhalb
Jahren, seit dem März 1938. Wir waren überwältigt
vor Glück.

Herta und Romek Reich
im
DP-Camp bei Bari
(November 1943)
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Über weitere Gräben brachten sie uns weg von den
vordersten Linien und dann mit einem Jeep nach Bonefro, wo
sie uns einsperrten und verhörten. Den ganzen Tag lang.
Aber es störte uns nicht, sie wußten ja nicht,
wer und was wir sind und woher wir kommen. Sie gaben uns so
viel zu essen, daß uns schlecht wurde. Keiner von uns
hatte solches Essen gesehen. Seit Jahren nicht. Ganze Büchsen
mit Speck, Käse, Fleisch, Honig und vieles mehr. Sie
führten uns dann noch ein Stück nach Süden,
nach Lucera, eine kleine Stadt, 30 km vor Foggia. Sie sagten,
wir sollten nach Bari gehen, dort gäbe es ein großes
Displaced Persons Camp, wo wir uns melden sollten. Angst bräuchten
wir keine mehr zu haben. Der ganze Süden war von Engländern
erobert. Die Konserven nahmen wir übrigens mit. Sie gaben
uns noch weitere. Aber bis Bari war es noch weit. Als wir
zu Fuß nach Foggiakamen, erwartete uns ein Bild des
Grauens. Eine Stadt, die bis auf den Grund zerstört war.
Es gab keine Straßen mehr, nur meterhoch Schutt, keine
Häuser und keinen Bahnhof mehr, kein einziges Lebewesen
war anzutreffen. An der Adriaküste kamen wir an eine
Eisenbahnstrecke und fuhren das letzte Stück an der Küste
entlang bis Bari. In einem Vorort von Bari, in Cabonara di
Bari, war das Camp für Displaced Persons. Ein ehemaliges
Lager für Kriegsgefangene, wohin die Italiener ihre Gefangenen
aus Griechenland und Albanien und Jugoslawien gebracht hatten.
Jetzt benützten es die Engländer. Es waren ungefähr
5000 Menschen dort. Wieder hatten wir Holzpritschen übereinander,
aber ohne Strohsäcke. Ich schlief lieber nur auf Holz
als auf verwanzten Strohsäcken. 240 Menschen in
einem sehr großen Raum. Zu essen gab es genug, aber
es ging uns bald auf die Nerven. Jeden Tag Corned Beef und
Bohnen. Romek und ich gingen auf die Felder, sammelten wilden
Broccoli und kochten ihn in leeren Konservenbüchsen.
Stefek und das Ehepaar Levitus gingen in einen anderen Ort
nicht weit von uns. Nur Hugo blieb mit Romek und mir. Ich
begann, für die Engländer Wäsche zu waschen,
mit sehr primitivem Zubehör, und verdiente so einige
Lire.
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Zum ersten Mal konnte ich an meine Eltern schreiben. Meine
Eltern waren überglücklich, sie glaubten mich nicht
mehr am Leben.
Ich war schwanger und todunglücklich darüber. In
so einem provisorischen Dasein wollte ich auf keinen Fall
ein Kind. Wer wußte denn, wie lange der Krieg noch dauern
würde?
Ein polnisch-jüdischer Arzt, mehr Scharlatan als Arzt,
gab mir irgendein Medikament. Ich bekam einen Blutsturz, und
man fuhr mich in ein kleines Spital zehn Kilometer vom Camp.
Dort waren nur Nonnen, die um jeden Preis das Kind erhalten
wollten. Und ich wollte es unbedingt verlieren. In der dritten
Nacht hatte ich genug von der Fürsorge und flüchtete
in der Nacht aus dem Spital ins Camp und war weiter schwanger.
Die Engländer baten wir um Arbeit. Wir hatten Glück.
Sie schickten uns nach Bari in ein „Rest-Camp" der berühmten
englischen 8. Armee, die in Afrika die deutsche Armee besiegt
hatte. Romek begann einige Tage vor mir zu arbeiten und schrieb
mir einen Brief, daß sie ihm ein leeres steinernes Haus
zur Verfügung gestellt und zwei Schlafsäcke gegeben
hätten. Hugo meldete sich zur freiwilligen polnischen
Armee und kämpfte gegen die Deutschen in Monte Cassino.
Ich fuhr zu Romek ins „Rest-Camp". Er hatte ein Bettgestell
und einen Tisch aus Bierkisten fabriziert und war sehr stolz
und glücklich damit. Die zwei Militärschlafsäcke
waren ein großer Reichtum für uns.
Das Camp war sehr groß für 5000 Soldaten, die dort
Urlaub machten. Sehr schön, ganz am Meer gelegen. Romek
arbeitete in der Kantine für Offiziere und ich in der
für Sergeanten.
Viele Italiener arbeiteten in den Küchen und Lebensmittelmagazinen.
Ich glaube, ganz Bari lebte von den Konserven, die die Italiener
dort stahlen. Die Engländer hatten fast keine Kontrolle
darüber. Wir staunten über den Reichtum und die
Verschwendung. Ich verkaufte Mittagessen an die Soldaten.
Da es keine Registrierkassen gab, stopfte man das Geld in
große Körbe. Nach der Arbeit holte ein Offizier
die Körbe mit dem Geld ab. Auf dem Weg von der Kantine
ins Büro dürften viele reich geworden sein.
Die Soldaten tranken bis zur Bewußtlosigkeit und es
gab viele Schlägereien. Aber man erlaubte der siegreichen
8. Armee alles.
Noch immer war Krieg, aber jetzt hörten wir wenigstens
immer Nachrichten aus authentischer Quelle. Man war sicher,
daß Hitler den Krieg nie mehr gewinnen konnte, aber
dieser größenwahnsinnige Anstreicher opferte noch
weitere Millionen Menschen.
Im Frühjahr 1944 sprach man viel über eine mögliche
englisch-amerikanische Invasion an der Kanalküste. Aber
nichts geschah. Wunschträume, Gerüchte. Wir alle
wünschten eine zweite Front, damit Deutschland von Osten
und vom Westen erledigt würde.
Romek sprach jeden Tag von Palästina. Ich weniger. Diese
ganze polnische Gruppe war in einer zionistischen Jugendbewegung
groß geworden. Ich hatte keinen diesbezüglichen
Hintergrund und keine Ideale. Ich ging von Österreich
weg, weil Hitler kam. Ich hatte eine Heimat verloren, konnte
mir aber keine neue vorstellen. Die Polen aber konnten es
und waren glücklich.
Die Schwangerschaft deprimierte mich sehr, aber im fünften
Monat gab es keine Möglichkeit für eine Unterbrechung.
Romek bemühte sich sehr, von den Engländern eine
legale Einreise nach Palästina zu bekommen. Obwohl es
uns aussichtslos erschien, von der Militärverwaltung
Zertifikate zu erhalten, gab er nicht auf und versuchte es
immer wieder voller Hoffnung. Eines Tages hob ich einen schweren
Kessel in der Kantine, und das war der Anfang vom Ende der
Schwangerschaft. Zu Beginn des sechsten Monats. Die Engländer
und Romek brachten mich in die Universitätsklinik nach
Bari. Ärzte gab es nicht. Nur einige Medizinstudenten
operierten mich nach zwei Tagen. Narkose oder ähnliches
gab es auch nicht. Nach zwei Tagen holte mich Romek ins „Rest-Camp"
zurück. Ich war sehr schwach, aber wir beide waren überglücklich
über diese Lösung.
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Die legale Einreisebewilligung
nach Palästina
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Als Überraschung brachte
Romek einige Tage später für uns beide die Einreise-
bewilligung nach Palästina für den 26. Mai 1944.
Es war ganz unglaublich, mitten im Krieg legal nach Palästina
zu fahren.
Unser ganzes Gepäck bestand aus einer kleinen Bierkiste
mit ein paar wenigen Habseligkeiten, und unser Reichtum
waren die zwei Schlafsäcke.
Das Schiff ging vom Hafen Taranto im Süden. In der
letzten Maiwoche fuhren wir sehr aufgeregt dorthin. Ich
in einem selbst genähten Kleid aus einem Zuckersack,
einer Bluse vom Roten Kreuz und Holzpantoffeln. An Geld
haten wir insgesamt zwei |
Pfund. Holzpantoffeln. An Geld haten wir insgesamt zwei Pfund.
Im Hafen von Taranto schliefen wir in einem Magazin, und am
letzten Mai gingen wir auf ein Kriegsschiff, auf welchem 2000
indische Soldaten nach Alexandria fuhren. Die Fahrt war noch
immer gefährlich, es waren zwar keine Deutschen mehr im
Mittelmeer, aber es gab noch viele Minen. Minensuchbote und
Flugzeuge begleiteten das Schiff. Am 5. Juni landeten wir in
Alexandria. Vom Hafen brachte man uns sofort in einen Zug, und
wir fuhren über den Suez-Kanal, El-Kantara nach Ludd.
Romek und Roni Reich
(Juli 1948)
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Und am 6. Juni 1944 begann die englisch-amerikanische Invasion
an der Kanalküste.
Das Wiedersehen mit meinen Eltern in Tel-Aviv war erschütternd.
Das so kurze Glück mit Romek beendete der Befreiungskrieg
1948, in dem er fiel. Aber er erlebte noch die große Freude,
ein Jahr mit seinem Sohn zu verleben.
Roni gleicht seinem Vater in jeder Beziehung. Seine Bescheidenheit,
seine hohen moralischen Werte, sein außergewöhnlicher
Intellekt und seine tiefe Gefühlswelt. Romek wäre
sehr stolz auf seinen Sohn. Romek hatte mir das Leben gerettet.
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Lange nach dem Krieg fand man alle Männer
vom unglücklichen „Šabac-Transport" erschossen in einer
Grube im serbischen Dorf Zasavica an der Save. Die Frauen und
Kinder waren zwischen März und Mai 1942 auf angeblichen
Umsiedelungsfahrten in einem Gaswagen in Belgrad ermordet worden.
Im Jahr 1959 wurden sie in einem gemeinsamen Grab in Belgrad
beerdigt. |
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