Peter Ruggenthaler
Zwangsarbeit in der Landwirtschaft der Steiermark

Ab dem Sommer 1942 bedienten sich die Nationalsozialisten aufgrund der vermehrten Einberufungen deutscher Männer an die Front verstärkt ziviler Ausländer und Kriegsgefangener. Neben Niedersachsen, Pommern und Ostpreußen verzeichneten Oberdonau, Kärnten und die Steiermark einen besonders hohen Ausländeranteil unter den Beschäftigten. 1944 erreichte der Ausländereinsatz reichsweit mit 22,1 Prozent (2,402.000, davon 1.767.000 deportierte Zivilisten) den Höhepunkt. Der Anteil ausländischer Arbeitskräfte in der Landwirtschaft war stets höher als in anderen Wirtschaftszweigen. 

Fremdarbeiter war jedoch in der NS-Terminologie nicht gleich Fremdarbeiter. Gemäß der „rassischen“ Herkunft wurde zwischen den einzelnen Nationen strikt unterschieden. Demzufolge nahmen „artverwandte“ Völker wie Skandinavier, Holländer und auch Franzosen eine bessere Stellung ein als beispielsweise Tschechen oder Serben. Das Schlußlicht in der NS-Hierarchie bildeten die Polen und Sowjetbürger, letztere von den Nationalsozialisten als „Ostarbeiter“ bezeichnet.

Die Zahl der in der steirischen Landwirtschaft eingesetzten ausländischen Zivil- und Zwangsarbeiter aus dem Ausland kann mit heutigem Wissensstand nicht eruiert werden. Die ersten Zwangsarbeiter, die in der steirischen Landwirtschaft eingesetzt wurden, waren polnische Kriegsgefangene, die in die Wehrmacht eingerückte Männer ersetzten. Der durch die zunehmende Landflucht steigende Arbeitskräftemangel in der steirischen Landwirtschaft konnte jedoch lediglich bis Dezember 1939 durch den „Poleneinsatz“ abgedeckt werden. War die betriebliche Produktion nicht mehr zu gewährleisten, konnten sowohl Unternehmer als auch Bauern beim Landesarbeitsamt um Beschäftigung einer ausländischen Arbeitskraft anfragen.

Nachdem der zunächst für die Nationalsozialisten günstig verlaufende Ostfeldzug bis 1942/43 die Möglichkeit eröffnete, in der besetzten Ukraine ein scheinbar unerschöpfbares Arbeitskräftepotential auszunützen, bot sich den Bauern eine günstige Gelegenheit, eine billige Arbeitskraft zu bekommen. Zahlreich geführte Gespräche mit ehemaligen „Ostarbeitern“ zeigen auf, wie die jungen Mädchen und Burschen in die Steiermark gebracht wurden.
 

„Freiwillige Anwerbungen“
Aufgrund der teilweise katastrophalen wirtschaftlichen Situation ließen sich gerade in den Industriezentren tausende Arbeiter von den Versprechungen der Anwerbekommissionen täuschen und gingen ins „Reich“. Die Rückführung erster kranker und aufgrund der Arbeitsbedingungen arbeitsunfähiger Personen sowie Nachrichten von „Ostarbeitern“ an die Angehörigen veränderten die Bereitschaft der Ukrainer, sich anwerben zu lassen. 

Vor allem in den ersten beiden Jahren nach der Okkupation praktizierten die deutschen Besatzer eine Art der Zwangsrekrutierung, bei der die Familien das älteste Kind, sofern es das Jugendalter erreicht hatte, zum Arbeitseinsatz in Deutschland zur Verfügung stellen mußten. Da die Arbeitseinsätze als zeitlich begrenzt „vermittelt“ wurden, folgten viele Familien diesem Aufruf, verbunden mit der Hoffnung, daß der Verdienst, wie angekündigt, auf die heimische Bank überwiesen werde. 

Marija Fedina, „Ostarbeiterin“ in St. Lorenzen bei Judenburg, war 17 Jahre alt, als sie aufgefordert wurde, sich am Sammelpunkt zum Abtransport ins Deutsche Reich einzufinden: „Die Polizei hat bei jedem Haus aufgeschrieben, wer am Sammelpunkt zu erscheinen hatte. Und so wurde  aus unserem Haus ich aufgeschrieben. Ich hatte mich lange versteckt. Doch dann sagten sie, wenn ich nicht erscheine, holen sie die Mutter. Doch dann taten mir meine Mutter und meine jüngeren Brüder leid. Ich war gezwungen am Sammelpunkt zu erscheinen. [...] Wir wurden ins Bezirkszentrum Tarashcha gebracht. 200-300 Menschen wurden ausgewählt und zu Fuß zum Bahnhof nach Ol´shanica gejagt. [...] Wir gingen zu dritt, zu viert, auf jeder Seite Polizei: auf Pferden, bewaffnet und mit Hunden“, erinnert sich die heute 75-jährige. 
 

Erfassen ganzer Jahrgänge
1942 ging Sauckel, der Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz, zum Erfassen ganzer Jahrgänge über, um seine Hitler und Speer versprochenen Kontingente erfüllen zu können. In der Regel wurden an allen öffentlichen Orten zweisprachige Plakate angebracht, die die Arbeitspflicht aller Jugendlichen bestimmter Jahrgänge verlautbarten. Gleichzeitig wurden Datum und Sammelpunkt, meist der nächstgelegene Bahnhof – bei kleineren Dörfern auch der Ortsplatz – verkündet. Zwischen erstmaligem Anschlagen der Aufforderungen an die Jugendlichen und dem Abtransport vergingen meist nur wenige Tage. 

Marija Andreevna Nauchackaja aus Kipchak auf der Krim, betraf eine solche Aufforderung als 17-jährige. „Im Juli 1942 wurde durch Listen, die alte Leute aus der Kriegsbezirkskommendantur Ak-Mechet´ weitergaben, ein Sammlungsort für Leute aus dem ganzen Bezirk Velyaus zum Abtransport nach Deutschland bekanntgegeben. Aus unserem Dorf waren es fünf Menschen.“

Im Falle von Nichterscheinen mußten die Familienangehörigen mit Konsequenzen rechnen. In vielen Fällen wurden die Eltern nachdrücklich aufgefordert, ihr Kind herauszugeben. Infolge der Einschüchterungen und Drohungen fanden sich die jungen Mädchen und Burschen schließlich „freiwillig“ zum Abtransport, bepackt mit den wichtigsten Habseligkeiten und Verpflegung für die „Reise“, am Bahnhof ein.

Erschien der betroffene Jugendliche nicht am Sammelpunkt, wurde er unter Androhung von Waffengewalt von der örtlichen Polizei von Zuhause geholt. Der 17-jährige Ivan Stavickij wurde am Morgen des 22. Oktober 1942 im Elternhaus festgenommen und zur deutschen Kommandantur gebracht, wo er einige Tage und Nächte festgehalten wurde. „In dieser Zeit kamen zu mir noch zwei Burschen und drei Mädchen hinzu. Am nächsten Tag in der Früh brachten uns unsere Eltern Taschen mit Verpflegung für die ersten Tage und Bettwäsche. Wir wurden auf Fuhrwerke gesetzt und unter bewaffneter Polizeibewachung nach Perejaslav gebracht, wo sich schon viele wie wir befanden. Die Frauen waren in einem, die Männer in einem anderen Lager, umgeben von Stacheldraht. Und so wurden wir nach drei Tagen auf Frachtfahrzeuge gesetzt und im Konvoi mit nicht nur örtlichen Polizisten, sondern auch deutschen Soldaten, zum Bahnhof von Perejaslav gebracht, wo wir in Güterwaggons verladen wurden.“ 

Viele Betroffene versuchten sich der bevorstehenden Verschleppung durch Verstecken zu entziehen. Nikolaj Bul´bach stand im 18. Lebensjahr, als er 1943 zwei Mal aufgefordert wurde, sich am Ortssammelpunkt einzufinden. „Beim dritten Mal, das war am 5. Mai 1943, wurden ich und andere mit Waffengewalt geholt und zum Bahnhof gebracht. Dort wurden wir in Güterwaggons gesteckt.“ Marija Plohaja aus Prjadivka im Dnepropetrovskaja Oblast´ versteckte sich mit ihrer Freundin drei Tage und drei Nächte lang auf dem Dachboden des elterlichen Hauses. Aber auch sie wurden gefunden und gemeinsam mit 25 anderen Leidensgenossen am 23. November 1942 in die „Ostmark“ verschleppt.
 

Unangemeldete Verhaftungen
Oft wurden die betroffenen Jugendlichen nicht einmal im vorhinein über ihre Arbeitsverpflichtung informiert. In vielen Fällen standen plötzlich deutsche Soldaten vor der Tür und forderten die Familien auf, unverzüglich ein Kind zur Verfügung zu stellen, das meist sofort mitgenommen wurde. So erging es beispielsweise Vera Fedorovna Rudnik, die nach St. Marein bei Knittelfeld gebracht wurde. „Und so im März 1942 in der Früh (wir schliefen noch) kamen zwei Polizisten und befohlen mir, zum Dorfältesten zu gehen. Dort waren alte und junge Leute. Dann wurden wir im Konvoi nach Kozelec (20 km von unserem Dorf) geführt. Wir wurden ins Gefängnis gebracht. In der Zelle waren viele Leute, sogar Mütter mit weinenden Kindern. Dort waren wir ungefähr zwei Wochen. Dann wurden wir Jungen in eine getrennte Zelle geführt (es kam ein deutscher Kommandant mit einem Dolmetscher). Am nächsten Tag wurden alle erschossen, wir aber wurden nach Kiew zum Sammelpunkt gebracht. Nach einigen Tagen wurden wir in Güterwaggons gesetzt und fuhren ab.“
 

Razzien
In den besetzten Gebieten erließen die Besatzungstruppen strenge Ausgangssperren. Viele Personen, die sich nicht daran hielten, liefen in der Folge Gefahr, Razzien auf offener Straße zum Opfer zu fallen. In der Folge wurden sie, ohne daß sie die Gelegenheit hatten, sich von ihren Angehörigen zu verabschieden, in Güterwaggons, die oft tagelang noch vor dem eigentlichem Abtransport versperrt gehalten wurden, gepfercht. 

Ljubov´ Vishtak mußte mit ihrer Familie 1937, nachdem ihr Vater zum „Verräter der Heimat“ erklärt wurde, zu den Eltern ihrer Mutter ziehen. 1943 war bereits allen Ukrainern bekannt, daß Jugendliche ständig der Gefahr ausgesetzt waren, nach Deutschland verschleppt zu werden, wenn sie sich im Freien aufhielten. Um einer drohenden Deportation zu entgehen, versteckte sich Ljubov´ Vishtak so gut es ging tagsüber und nachts. Eines Tages jedoch arbeitete sie auf dem Feld, als plötzlich zwei Autos mit bewaffneten deutschen Soldaten kamen. „Sie fingen alle jungen Leute und steckten sie in Autos. So brachten sie uns im August 1943 ins Lager nach Vinnica.“

Vladimir Vydish fiel ebenso einer Razzia zum Opfer. Nach Kriegsbeginn wurde sein Vater an die Front geschickt. Vladimir blieb bei seiner Mutter und dem zwölfjährigen Bruder zurück. „Am 10. Juli 1943 fand nachts eine von der Polizei organisierte Razzia statt. Alle Kinder des Jahrgangs 1925 wurden wie Vieh in einen Keller getrieben und niemand konnte mehr von dort raus. [...] Einige Kinder waren Jahrgang 1926 und 1924. Diese wurden rausgelassen [...] am Morgen wurden wir mit Pferden zum Bahnhof Vira unseres Bezirkes gebracht.“
 

Deportation ins Reich
Von den Sammelpunkten, auf dem Land meist der Dorfplatz, wurden die rekrutierten Arbeitskräfte zu Fuß unter strenger Bewachung zum nächsten Bahnhof getrieben. In entlegenen ländlichen Gebieten befand sich der nächstgelegene Bahnhof meist dutzende Kilometer entfernt, sodaß die Jugendlichen zu strapaziösen Gewaltmärschen gezwungen wurden. 

An den Bahnhöfen wurden die Jugendlichen schließlich in Vieh- bzw. Güterwaggons getrieben, auf welchen zynische und erniedrigende Losungen wie „Ein Geschenk für Hitler!“ geschrieben standen. Vielfach waren die Waggons so überfüllt, daß die Burschen und Mädchen sich nicht einmal hinsetzen konnten. „Im Zug war so wenig Platz, daß drei Männer gezwungen waren aufzustehen, damit zwei schlafen konnten.“

Der eigentliche Transport hinterließ bei der Großzahl der Betroffenen tiefste seelische Verletzungen. Den meisten fällt es heute noch schwer, sich an diese Tage, vielfach sogar Wochen, zu erinnern. Die Jugendlichen hatten unter der ständigen Angst vor Gewaltanwendungen zu leiden. Hohn und Spott seitens der Soldaten und Transportorganisatoren waren scheinbar noch das geringste Übel. Auf Schamgefühle wurde keinerlei Rücksicht genommen. Bei der üblichen „Desinfektion“ sahen sich Frauen entblößt den Augen der Wachsoldaten ausgesetzt. Frauen und Männer waren gezwungen, unter unhygienischsten Bedingungen ihre Notdurft gemeinsam zu verrichten.

Die Desinfektion wurde üblicherweise in Krakau vorgenommen. Hier gab man den Ukrainern auch zum ersten Mal nach der bereits Tage dauernden Fahrt zu essen und zu trinken. Die Gefangenen mußten sich auf dem Weg zum Waschraum entkleiden, saßen oft bis zu einem Tag lang völlig nackt in den Wartesälen, bis sie an die Reihe kamen. 

Anastasija Petrovna Vichljaeva, „Ostarbeiterin“ in Aichdorf, wurde gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester am 15. September 1942 zum Bahnhof nach Saki auf der Krim gebracht. „Wir wurden aufgestellt, nicht wie Passagiere, sondern so, wie man Kühe transportiert. Zu 40 Leuten, 40 aus unserem Dorf, Männer und Frauen. Man hat uns einen Eimer hingestellt. Wenn von uns Frauen eine mußte, d. h. wir Frauen stellten uns rund um den Eimer auf. Wenn die Männer, dann stellten sich die Männer auf. Man hat uns nirgends rausgelassen. Man warf uns ins Dunkel ein Brot. Wir haben es uns selbst geteilt, Männer und Frauen. Und wir fuhren weiter. [...] In Polen [...] ließ man uns raus. Männer und Frauen getrennt. Diese Momente sind so besonders schwierig [...] Man hat uns völlig nackt ausgezogen. Dann in Zweierreihen aufgestellt. Große Fässer mit irgendeiner Flüssigkeit wurden aufgestellt. So ein langer Stock lag da. Am Stock hingen Lappen. [...] Daneben standen die Soldaten, die deutschen. Sie haben auf uns geschaut und gelacht. Man führte uns zu diesen Fässern, diese Lappen wurden eingetaucht – und auf den Kopf. Es tränte in den Augen. [...]“

Nach der „Desinfektion“ wurde den Gefangenen neue Einheitskleidung, die aus dünnem schlechtem Stoff bestand, gegeben. Die eigenen Schuhe bekamen sie meist nicht zurück, stattdessen wurden den Gefangenen Holzschuhe ausgehändigt. Auf die Ausgabe von Unterwäsche wurde abgesehen, da sie „den Russen kaum bekannt und ungewohnt“ sei. Danach wurden die jungen Leute wieder in die Waggons getrieben, die Türen abgeriegelt und weiter geschickt Richtung Westen. 

Jeder Waggon wurde innen von einem bis zwei deutschen Soldaten, die zu einem Fronturlaub nach Hause mitfuhren, bewacht. Bei Zwischenstopps auf offener Strecke wurde den Gefangenen teilweise erlaubt, den Waggon kurz zu verlassen. Für viele war dies ein überlebenswichtiger Umstand, da den Gefangenen vielfach selbst bei tagelangen Fahrten weder zu essen noch zu trinken gegeben wurde. Die Verpflegung, die von den Eltern mit auf den Weg gegeben wurde, war meist schnell verbraucht. Im Sommer versuchten die Gefangenen bei großer Hitze mit den blossen Händen das von den Lokomotiven tropfende Wasser aufzufangen und zu trinken. Viele haben dieses Martyrium nicht überstanden und fanden den Tod.

Über Wien erreichten sie schließlich Graz, wo die künftigen Arbeitskräfte zunächst in Durchgangslager interniert wurden. Das größte dieser Art in Graz befand sich in der Alten Poststraße. Das Lager „Süd“ bestand aus insgesamt 19 Baracken, die sich an der Westseite des Zentralfriedhofs befanden. Ljubov´ Vishtak wurde mit einem Transport im August 1943 aus Vinnica nach Graz gebracht, wo sie zunächst ins Lager „Nord-Süd“ kam. „Ich erinnere mich, das Lager war neben dem Friedhof. Ins Lager kamen täglich Käufer. Wir wurden in einer Reihe aufgestellt und wie Pferde begutachtet. Sie schauten die Zähne und die Muskeln an.“

Die zu verteilenden Zivilgefangenen wurden meist für einige Tage, manchmal jedoch auch für einige Wochen, in solchen Durchgangslagern interniert. Die Verpflegungs- und Unterbringungsbedingungen waren enorm schlecht. Die Lager waren völlig überfüllt. Viele der Gefangenen wurden bereits im Durchgangslager zu diversen Arbeiten herangezogen, darunter Marija Fedina aus Lesovichi bei Kiew: „Wir wurden nach Graz gebracht, ins Lager. Da waren sehr viele von unseren Leuten. Wir wurden sehr schlecht ernährt, sie gaben uns irgendeine Wassersuppe mit Kohlrabi und schwarzes, klebriges Brot. Das Brot war mit Sägespänen gebacken, [...]  wir aßen es nicht sofort, danach sehen wir, daß wir sonst umkommen und begannen zu essen, die Brotrinde verklebte den Mund. Lange war ich nicht im Lager. Ich arbeitete im Vorratsspeicher: sortierte die Kartoffeln, den Kohl. Wir transportierten irgendwelche Einmachfässer.“
 

Zum Sklavenmarkt nach Judenburg
Von Graz aus gelangten die zum Großteil Jugendlichen nach Judenburg, wo sie auf einem „Sklavenmarkt“ den Bauern vorgeführt wurden. Die meisten Gefangenen hatten kein einziges Stück Gepäck bei sich, hatten teilweise nicht einmal Schuhe an, trugen ein formloses Einheitskleid, welches ihnen nach der Desinfektion in Polen gegeben wurde, und waren oft geschoren. Die Bauern begutachteten ihre künftigen Arbeiter genau, vergewisserten sich, daß sie auch die bevorstehende Arbeit bewältigen konnten. Die noch gesunden, kräftig gebauten Jugendlichen waren üblicherweise als erste „vergriffen“, übrig blieben die kleineren, schwächeren. Die Gefangenen wurden danach gefragt, ob sie Kühe melken können u. ä. Viele bejahten aus Angst, auch wenn sie in ihrem Leben zuvor niemals eine Kuh gemolken hatten. 

Nach der Ankunft in Judenburg wurde den Gefangenen auf dem Arbeitsamt Fingerabdrücke abgenommen. Zur vollständigen Registrierung wurden die nunmehrigen „Ostarbeiter“ auch fotografiert. Die bereits oben zitierte Marija Fedina kam im Frühsommer 1943 mit einer kleinen Gruppe von Schicksalsgenossen nach Judenburg. „Dort übernachteten wir auf dem Dachboden irgendeines Wohnhauses, auf Sägespänen. In der Früh wurden wir einzeln in irgendeinen langen Korridor gerufen. Wir wurden fotografiert und uns wurden Fingerabdrücke abgenommen. Wir standen alle im Korridor, es kamen hauptsächlich Männer aus dem Dorf und wählten sich beliebige Arbeiter aus.“ 

Die schwächeren Burschen und Mädchen, für die letztendlich kein Bauer gefunden wurde, wurden ins Lager geschickt. Aleksandr Varkovskij, geboren 1925, wurde Ende September 1942 mit einigen hundert „Ostarbeitern“ nach Judenburg gekarrt. „Sofort wurden wir wie Vieh zum Arbeitsamt getrieben, eigentlich gejagt. Dort waren bereits Anwerber, das heißt Bauern, die Arbeiter, kostenlose Hände, brauchten. Wer besser angezogen war, bessere Schuhe anhatte, der kam zu einem Bauern. Ich war so bettelarm angezogen, deshalb wurden solche wie ich sofort ins Lager geschickt.“

Den Betroffenen entging auch nicht, daß sie in der Tat wie Ware behandelt wurden. Vor ihren Augen bezahlten die Bauern für ihre neuen Arbeitskräfte. Vladimir Akulov kann sich erinnern, daß jeder Bauer 100 Mark für einen Arbeiter bezahlte, Marija Andreevna Nauchackaja berichtet von zwölf Mark, die der Bauer Ludwig Laitner aus Hohentauern für sie auf dem Sklavenmarkt in Judenburg zahlte. Ljubova Grichenko weiß von 20 Mark, die für sie bezahlt wurden, zu berichten. 
 

Maria Kuchler im Alter von 16 Jahren

Maria Kuchler, geb. Usin, wurde 1942 gemeinsam mit ihrer Cousine Justina, als 16-jähriges Mädchen unter einem Vorwand von den deutschen Besatzern zum Bahnhof ihres Heimatdorfes Lanchin gebracht und anschließend in bereitstehende Viehwaggons gesperrt. Nach einer wochenlangen Odyssee erreichte der Transport schließlich Bruck an der Mur, wo die beiden Mädchen zu zwei Bauern gebracht wurden. Der Bauer und seine Frau erwiesen sich als sehr grob gegenüber dem zarten Mädchen, das die landwirtschaftliche Arbeit nicht  gewohnt war.   Nachdem die Bäuerin Maria nach einem Vorkommnis schlug, entschied sich Maria zur Flucht. Doch sie kam nicht weit und wurde verhaftet. Nach zwei Tagen Haft im Bunker wurde sie von Gestapo-Leuten zu ihrem bisherigen Bauern zurückgebracht, der infolgedessen noch strenger mit Maria umging. Nachdem eines Tages sogar der Ortsbauernführer intervenierte und den Bauern dahingehend zurechtwies, daß Maria und der zweite aus dem Kaukasus stammende „Ostarbeiter“ nicht am gemeinsamen Tisch mit der Familie essen dürfen, verschlechterte sich der Umgang seitens der Bauernfamilie mit Maria noch weiter.
 

  Einziger Lichtblick in der schweren Zeit waren die Sonntage, an denen sie sich mit der ihr eng verbundenen Cousine Justina treffen konnte. Gegen Kriegsende flößte der Bauer Maria jedoch solche Furcht vor den sowjetischen Soldaten ein, daß Maria das Anwesen nicht mehr verließ und so Justina aus ihren Augen verlor. Nachdem der Bauer nach Einmarsch der Sowjets in Bruck/Mur leugnete, „Ostarbeiter“ bei sich zu beschäftigen, ließen ihn die Besatzer in der Folge unbehelligt. 
 

Schwester Melanija, Bruder Vasilij sowie Justina nach ihrer Heimkehr

Justina, die annahm, daß Maria längst nach Hause zurückgekehrt war, verließ Österreich im August 1945. Maria, die inzwischen eine andere Arbeit angenommen hatte, versuchte seither immer wieder, Kontakt mit ihrer Familie in der Sowjetunion aufzunehmen, jedoch immer ohne Erfolg. Ende 1999 wandte sich Frau Kuchler an das Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung, mit der Bitte, ihr bei der Suche nach   ihrer Cousine zu  helfen, da sie    selbst  inzwischen  ihre Muttersprache verlernt habe. Im Zuge der Forschungsarbeit des Instituts gelang es tatsächlich, Justina ausfindig zu machen. Bei einem Besuch des Verfassers im Heimatdorf Lan~in begab sich Justina, Mutter einer Tochter und Großmutter, auf die Spuren der Jugend Marias. Einem ersten Wiedersehen nach 55 Jahren steht nun nichts mehr im Wege. 



Peter Ruggenthaler beschäftigt sich seit etwa eineinhalb Jahren mit der Thematik der OstarbeiterInnen in der Steiermark und Kärnten. Im Rahmen seiner gerade fertiggestellten Diplomarbeit "Ein Geschenk für den Führer" hat er dutzende Interviews mit ehemaligen ZwangsarbeiterInnen aus der Ukraine und Russland geführt.

Peter Ruggenthaler
Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung
Schörgelgasse 43
8010 Graz
Tel. 0316-822500
e-mail: bik-graz@gewi.kfunigraz.ac.at